Sendungsüberblick

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29.10.2011
(1) Geräusch, Ton und Klang? - Vom Schall zur Musik
Von Catherina Gilles
„Alles, was uns umgibt, ist Musik.“ Das sagte der Avantgarde-Komponist John Cage. Stimmt diese Aussage, und ist jedes Geräusch schon Musik? Wann fängt eigentlich die Musik an? Wann sprechen wir von einem Klang und einem Geräusch? In der ersten Folge des Funkkollegs erzählen Instrumentenbauer, Komponisten und Musiker wie aus Schall Töne werden, wie Tonsysteme aufgebaut sind, wie Klänge definiert werden und wie aus Klängen Musik wird: Ton, Geräusch und Klang – Vom Schall zur Musik.
05.11.2011
(2) Ist Musik eine Sprache? - Das Vokabular der Töne
Von Michael Rüsenberg
„Music is a world within itself, with a language we all understand“, singt Stevie Wonder, „Musik ist eine Welt für sich; sie ist eine Sprache, die wir alle verstehen.“
Er bringt damit ein Musikverständnis zum Ausdruck, das viele Menschen mit ihm teilen, wir sprechen im Alltag ja häufig von der „Sprache der Musik“ oder von Musik „als Sprache der Gefühle“. Aber trifft das zu? Den letzten großen Versuch, Analogien zwischen Musik und Sprache zu begründen, hat Leonard Bernstein unternommen, er ist damit gescheitert. Die meisten Wissenschaftler betonen heute die großen Unterschiede zwischen Musik und Sprache, sie gehen davon aus, dass Musik zuerst da war und Sprache sich daraus entwickelt hat. Schon Alexander von Humboldt hatte erkannt: „Menschen sind singende Affen, aber sie geben ihrem Gesang Bedeutung“. Große Unterschiede zeigen sich schließlich, wenn man die Frage nach dem Verstehen von Musik und Sprache stellt. Das Hören von Musik ist an Voraussetzungen geknüpft, die uns vielfach gar nicht bewusst sind. „Reale Hörer sind unvollkommene Hörer“, sagt der amerikanische Musikpsychologe David Huron; viele hören ein Stück Musik keineswegs so, wie der Komponist sich das vorstellt hat.
12.11.2011
(3) Wie verarbeitet das Gehirn Musik? - Neurowissenschaftliche Grundlagen
Von Regina Oehler
Wenn wir einer Melodie zuhören, werden in unserem Gehirn Nervenzellen aktiv, die unseren Kehlkopf steuern. Wenn ein Pianist einem Klavierstück lauscht, werden in seinem Gehirn Regionen aktiv, die für seine Finger zuständig sind. Es ist, als ob wir im Geiste immer mitsingen und mitspielen. Wir hören Musik mit dem ganzen Körper – und wir beschäftigen dabei das gesamte Gehirn. Denn zum Hören und Musizieren gehören auch Gefühle und Gedächtnis. Dabei gibt es charakteristische Unterschiede zwischen der rechten und der linken Hirnhälfte. Gehirnregionen, die beim Musizieren intensiv gefordert werden, vergrößern sich. Zum Beispiel die Regionen, die für einzelnen Finger der rechten und der linken Hand zuständig sind. Wer als Pianist oder Flötist seine Fingerfertigkeit trainiert, der hat in den Landkarten seiner Großhirnrinde mehr Platz für seine Hände. Üben fordert und formt das gesamte Gehirn. Je früher jemand damit beginnt, ein Instrument zu lernen, und je ausdauernder er übt, desto ausgeprägter sind die Veränderungen. Aber unser Gehirn bleibt ein Leben lang plastisch. Und was passiert im Gehirn, wenn wir besonders intensiv und ausdrucksvoll musizieren?
19.11.2011
(4) Haben nur Menschen Musik? - Musik und Evolution
Von Michael Rüsenberg
Viele erfreuen sich am „Gesang“ der Vögel. Schon Aristoteles fiel um 350 vor Christus eine Verwandtschaft auf; Komponisten von Mozart bis Mangelsdorff haben sich über Jahrhunderte davon inspirieren lassen. Hat man nicht auch schon von Wal-Gesängen gehört oder davon, dass Affen trommeln? Viele Forscher bestätigen die kreativen Leistungen bestimmter Tierarten, die manchmal der Musik der Menschen erstaunlich verwandt erscheinen. Aber, singen sie nicht mit ganz anderem Ziel, lautet der Einwand, nämlich zur Balz und um ihr Revier zu verteidigen? So schön sie auch klingen mag, ist „Musik“ dafür nicht ein falsches Wort? Die Frage erscheint in einem anderen Licht, wenn man sie im Rahmen der Evolution betrachtet. Zwar singen nur 4.000 von insgesamt 9.000 Vogelarten, und ihr Gesang geht nicht auf einen gemeinsamen Vorfahren mit den Menschen zurück. Vögel und Menschen teilen aber eine Voraussetzung, nämlich das sogenannte „vokale Lernen“. Im Gegensatz zu vielen anderen Lauten in der Tierwelt, die angeboren sind, erlaubt diese Eigenschaft ein großes Spektrum an Äußerungen. Und, sie benötigt dazu bestimmte Arreale im Gehirn – die gleichen Arreale bei Singvögeln, Menschen und auch bei Walen. „Vokal-Lernen“, sagt der amerikanische Biologe Erich Jarvis, „ist eine der komplexesten Eigenarten unter Wirbeltieren, sie erlaubt uns schließlich auch zu sprechen.“ Für ihn gibt es in dieser Hinsicht „insgesamt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede“ zur Tierwelt.
26.11.2011
(5) Wie entsteht Musik? | Komponist, Musiker, Hörer – ein Kommunikationsmodell
Von Birgit Kiupel
„Natürlich“, so sagt eine Jazzmusikerin, „ist es entscheidend, dass ich vor Menschen spiele, die mir zuhören. Es hat eine Bedeutung, dass sie da sind, es verändert mein Spielen.“ Auch der Komponist von Auftragswerken meint: „Musik setzt Kommunikation voraus, man schreibt letztlich für andere“. Oder hat der Komponist recht, der beim Thema „Komponist-Interpret-Hörer“ vor allem und zuallererst an die „Musik“ denkt? Wie arbeiten Komponisten? Was überlegen sie sich, wenn sie Auftragswerke schreiben? Ist Komponieren ein „autistischer“ Prozess? Welche Rolle spielen die Interpreten, die Komponisten, die Zuhörer? Darüber berichten in der fünften Folge des Funkkollegs Musik „Sinfonie des Lebens“ „Wie entsteht Musik?“ zwei Komponisten, ein Interpret und eine Jazzmusikerin, die sich gleichzeitig als Komponistin, Interpretin und Hörerin versteht.
03.12.2011
(6) Wie bewerten wir Musik? - Zur Qualitätsdebatte
Von Niels Kaiser
Was gute und schlechte Musik ist, wissen die meisten Menschen. Denn jeder bewertet Musik in der Regel nach seinen eigenen Vorlieben und seinem eigenen Geschmack. Und diskriminiert damit zuweilen andere. Denn wer über einen anderen urteilt „schlechte Musik“ zu hören, wertet ihn gleichzeitig ab. Auch Radiosender – egal ob Kulturwellen, Popwellen oder Jugendwellen – werben für ihre Musik: „Bei uns hören Sie nur gute Musik!“ Kann man Musik objektiv bewerten und welche Kriterien werden angewendet? Können Klassische Musik, Neue Musik und Popmusik mit den gleichen Kriterien bewertet werden? Und welche Bewertungssysteme von Musik kennt die Musikindustrie oder die GEMA? Bei Musikkritikern jedenfalls scheint das Verstehen der „musikalischen Sprache“ eine Voraussetzung zu sein, Musik zu beurteilen. Niels Kaiser ist in die Debatte der „Qualität von Musik“ eingetaucht, hat frühere Quellen untersucht und hat mit Musikern und Kritikern, Hörern und Radiomachern über die Frage gesprochen, welchen Qualitätsbegriff sie bei ihren Urteilen anwenden.
10.12.2011
(7) Wann ist Musik aktuell? - Der Kult ums Neue
Von Niels Kaiser
Im Grunde war jede Musik irgendwann neu: Sie wurde zum ersten Mal gespielt. Aber was heißt neu in diesem Zusammenhang? Wenn etwas noch nie Gehörtes zum ersten Mal erklingt? Oder wenn Musik alle normalen Hörgewohnheiten übersteigt? Und wie steht der Begriff „neu“ zum Begriff „modern“ oder „aktuell“? Radiomacher der jüngeren Generation verkünden: „Wir spielen nur neue Musik!“ Redakteure in den Klassik-Wellen der öffentlich-rechtlichen Sender sind verantwortlich für „Neue Musik“. Ein Widerspruch, der sich aus dem Kult aufs Neue erklärt? „Historisch gesehen“, so heißt es in einem Lexikon, „entsteht Neues immer dann, wenn etwas Traditionelles abgelöst und überarbeitet wird“. Aber gibt es denn eigentlich noch Neues in der Musik? War nicht schon alles mal da? Besonders am Beispiel der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts lässt sich zeigen, dass Neues nicht von jetzt auf nachher erfunden wird, sondern immer entsteht aus einer Auseinandersetzung mit dem schon Bekannten … Viele Komponisten heute sprengen bewusst traditionelle Hörgewohnheiten und rufen so Abwehr hervor bei vielen, die mit Musik angenehme und bekannte Hörerfahrungen verbinden. Wann ist Musik aktuell, wann modern, wann neu, wann schwer zu verstehen?
17.12.2011 (8) Kann Musik Grenzen überschreiten? - Musik als Weltsprache Von Michael Rüsenberg
In einer abgelegenen Region des Amazonas erschallt Christina Aguillera aus dem Transistorradio, in Ost-Asien feiert Beethoven rauschende Erfolge: „Wir haben vielleicht nur noch etwa zehn Jahre Zeit, bevor jeder Mensch auf dieser Welt mit westlicher Musik und ihren Ablegern aufgewachsen ist“, sagt der US-Musikpsychologe David Huron.
Selbst die „World Music“ besteht zu einem großen Teil aus westlichen Musikelementen. Wie ist diese Durchdringung zu erklären? Beruht sie vielleicht auf Elementen, die allen Musikkulturen gemeinsam sind, den sogenannten Universalien? Viele Forscher verneinen einen solchen kleinsten gemeinsamen Nenner – und kommen doch nicht umhin, Gemeinsamkeiten festzustellen. Der schwedische Musikbiologe Björn Merker nennt sie „statistische Universalien“. Dazu gehört die Einteilung der Tonleitern in Oktaven, bestimmte Rhythmen und die Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Tönen. Der Leipziger Musikethnologe Thomas Fritz hat dazu ein „Ankermodell musikalischer Kulturen“ entwickelt. Es geht davon aus, dass alle Musikkulturen sowohl über musikalische Universalien als auch über kulturelle Eigenheiten verfügen. Je mehr zwei Kulturen an kulturellem Einfluss teilen, desto mehr überschneiden sich auch ihre kulturellen Formen.
II: Musik erleben
07.01.2012
(09) Wie entsteht Gänsehaut? - Musik und Emotionen
Von Elke Ottenschläger
Musik geht vom Ohr direkt ins Herz. Mehr als jeder Sprache gelingt es der Musik, unserem Gefühlsleben Resonanz zu geben. Schon seit alters her werden Menschen auf besondere Weise bewegt, wenn sie Musik hören. Was macht die Musik mit unseren Gefühlen? Wie kann sie sie aufnehmen, transportieren und wiedergeben? Emotionsforscher berichten, wie sich die Wissenschaft der faszinierenden, aber flüchtigen und nur schwer greifbaren Thematik von Musik und Emotionen nähert. Es geht darum, wie die Forscher anhand von Definitionen, Modellen zur Gefühlsverarbeitung und der Messung körperlicher Reaktionen beim Musikhören der Verwobenheit von Musik und Emotionen auf die Spur kommen wollen. Ein eindrückliches Beispiel ist die Untersuchung der "Gänsehaut-Reaktion" beim Musikhören, also jenem wohligen Schauder, der vielen Menschen über den Rücken läuft, wenn sie von Musik ergriffen sind, die sie mögen und mit ihr bestimmte Erfahrungen verbinden.
14.01.2012
(10) Macht Musik schlau? - Musik und Intelligenz
Von Deborah Schamuhn
Seit Anfang der 90er Jahre geistert er durch die Medien: Der so genannte Mozart-Effekt. Er geht zurück auf das Experiment der amerikanischen Wissenschaftlerin Francis Rauscher.
In einem Experiment konnte sie zeigen, dass Studenten, die bestimmte Aufgaben mit Mozart im Hintergrund zu lösen hatten, um einiges leistungsfähiger waren als Studenten zweier Vergleichsgruppen. Für wie lange dieser Effekt allerdings anhielt und in welchem Bereich sich die Leistung der Studenten tatsächlich steigerte, das wurde schnell zur Nebensache: Die Öffentlichkeit war begeistert: „Mozart macht schlau!“ Die Entdeckung des Mozart-Effekts hatte Folgen in der Bildungspolitik und für die frühkindliche Erziehung. Leistungsorientierte Eltern sorgten dafür, dass ihre Babys schon während der Schwangerschaft Mozart hörten, und in den USA wurde Grundschulkindern eine tägliche Ration klassische Musik verordnet. Fast zwanzig Jahre sind seither vergangen, viele wissenschaftliche Experimente haben sich des Mozart-Effekts angenommen. Sie haben untersucht, ob Musik tatsächlich die Intelligenz steigere. Mittlerweile ist klar: Der „Mozart-Effekt“ ist ein Mythos.
21.01.2012
(11) Lust oder Leiden? - Wirkungen von Musik
Von Elke Ottenschläger
Musik werden viele Wirkungen auf den Menschen zugeschrieben: Mit Hilfe von Musik lässt sich die Stimmung steigern oder abschwächen, ausgleichen oder aufrechterhalten. Viele Menschen nutzen das für sich.Die meisten Menschen nutzen die Wirkungen von Musik für sich dafür, dass sie unangenehme Stimmungen verringern und angenehme Stimmungen verstärken. Dabei spielen besonders die musikalischen Bausteine eine Rolle wie Melodie, Klang, Dynamik und Rhythmus.
Im Rhythmus finden sehr viele einen unmittelbaren Weg zur Musik. In Filmen vermitteln die Bilder nur mit Musik die entsprechende Wirkung, die erzeugt werden soll: Spannung wird aufgebaut, Liebesszenen werden unterstützt, Personen durch Leitmotive gekennzeichnet. Und sogar im Krankenhaus wird Musik eingesetzt um zum Beispiel Schmerzen und Angst zu lindern.
Die Wirkung von Musik zu verallgemeinern und vorherzusagen, gilt allerdings als besonders schwierig, denn: Musik kann bei jedem Menschen anders wirken, abhängig von den Vorerfahrungen und von der jeweiligen Hörsituation.
28.01.2012
(12) Wie beeinflusst Musik den Alltag? - Das funktionale Rauschen
Von Ben Alber
Musik überall. Das Hören von Musik gehört zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen. Musik motiviert. Musik stimuliert. Musik beruhigt und entspannt. Im Bad, nach der Arbeit, vor dem Ausgehen und im Auto.In vielen Situationen entscheiden Menschen selbst, wann und wo Musik in ihrem Leben vorkommt – aber nicht immer. Die Idee einer Hintergrundmusik – sie ist schon sehr alt. Die Musikgeschichte ist voll von Werken, die beim Essen gespielt wurden - barocke Tafelmusik beispielsweise.
Diese Art von Musik funktioniert auch heute noch gut im Hintergrund. Viele Radiosender, die klassische Musik nutzen, setzen auf Barockmusik, die den Hörer nicht all zu sehr fordert. Perfektioniert wurde Hintergrundmusik in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. MUZAK – ein Musikangebot, das geeignet schien die Menschen in allen erdenklichen Situationen des Alltags zu begleiten.
Aber fördert Musik im Hintergrund die Arbeit? Ist Musik bei Hausaufgaben nützlich oder nicht? Das Bedürfnis nach Stille in der modernen Gesellschaft wächst - Stille wird als seltenes Gut empfunden. Und deshalb fordern auch immer mehr Menschen sogenannte beschallungsfreie Zonen.
04.02.2012 (13) Wo lebt die Musik? - Konzert versus Konserve Von Gregor und Claudia Praml
„Ich war heute morgen in einer Matinee, wo eine neue Opernproduktion vorgestellt wurde. Nur zum Klavier wurden zwei Arien aus der Oper präsentiert, und es lief mir eine Gänsehaut nach der anderen den Rücken runter. Wundervoll!“ So beschreibt ein Konzertgänger sein Erlebnis in einem Online-Forum.
Doch was ist das bessere Erleben: Ein Live-Konzert zu besuchen, oder die Musik auf CD zu Hause zu hören, ohne Gehüstel und Geräusche der Konzertnachbarn? Das hr2-Funkkolleg Musik sammelt Meinungen ein, spricht mit Konzertgängern und Musikern, die beide Seiten kennen. Gesprächsgast ist unter anderem Olaf Mill, der Gitarrist der legendären Gruppe „Flatsch“, der den Musikbetrieb von allen Seiten kennt. Dabei wird auch beleuchtet, was es eigentlich heißt, eine gute CD zu produzieren oder eben ein gutes Live-Konzert abzuliefern.
10. bis 13.02.2012: Online Klausur
11.02.2012
(14) Wie kann Musik helfen? - Musik und Therapie
Von Andrea Westhoff
Musiktherapie ist alt und jung zugleich. Um die Heilkraft von verschiedenen Klängen wussten die Menschen schon zu allen Zeiten. In unserer Zeit wird Musiktherapie als neuere psychotherapeutische und kreative Methode wieder entdeckt. Sie wird praktiziert auf dem Hintergrund wissenschaftlicher Untersuchungen. In den letzten 30 Jahren wurden über tausend Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten an Hochschulen ausgebildet. Sie arbeiten heute in ganz unterschiedlichen Praxisfeldern - bei Frühgeborenen genauso wie mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Mit autistischen Kindern genauso wie mit essgestörten Jugendlichen. Mit Patienten, die an chronischen Schmerzen leiden genauso wie mit depressiven Menschen. Mit Patienten, die an Tinnitus leiden genauso wie in der Traumatherapie. Mit Schlaganfallpatienten genauso wie mit sterbenden Menschen. Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Musiktherapeuten zeigen vor allem eines: Musik ist eine ungeheuer vielschichtige Kraft. Sie kann jeden Menschen erreichen - ohne dass Worte nötig sind - dahin, wo die gewohnte Kommunikation noch nicht oder nicht mehr möglich ist. Im einzelnen sind die therapeutischen Mittel so vielfältig wie Musik auch: Sie reichen vom einfachen Musik-Hören über das "Bespielen", Singen und selbst Musizieren mit allen Arten von Instrumenten bis zum körperlichen Musik-Erleben auf eigens gefertigten "Klangmöbeln". Und: Die Behandlung mit Musik erfordert eine hohe Kompetenz auf Seiten der Therapeuten, der Patient aber muss nichts können, um davon zu profitieren. Für eine Musiktherapie ist jeder Mensch musikalisch genug. Und das Gesundheitswesen entdeckt die künstlerischen Therapien neu - auch als eine Möglichkeit in das Hightech-Krankenhaus Menschlichkeit einzubringen.
18.02.2012
(15) Wie kommt der Mensch zum Musikgeschmack? - Musik und Sozialisation
Von Annegret Böhme
Kinder haben offene Ohren. Sie schunkeln auf dem Volksfest, hören Mutters Mozart oder Papas Zappa. In der Pubertät aber zeigen Kinder ihren Eltern, welche Musik sich wirklich zu hören lohnt! Verschiedene Einflüsse außerhalb der Familie werden bestimmend: Medien spielen eine große Rolle genauso die Freundinnen und Freunde gleichen Alters. Wann wählen wir unsere Musik? Was beeinflusst uns dabei? Wie aktiv gestalten wir unseren Musikgeschmack selbst? Und welche Einflüsse entscheiden darüber, dass Menschen neugierig bleiben? Sozialisation bedeutet, dass die Umwelt den Menschen prägt - und der Mensch seine Umwelt. Es gibt entscheidende Phasen und Einflüsse, doch es ist ein lebenslanger Prozess: Viel spricht dafür, dass der Mensch als Heranwachsender entscheidet, was er gern hört - und nichts dagegen, erst mit 75 Jahren Neues zu entdecken.
25.02.2012 (16) Was ist eigentlich Musikalität? - Begabung und Bildung Von Deborah Schamuhn
Was Musikalität ist und wie man sie definieren kann, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Genauso wie bei der Frage, ob man Musikalität messen kann. Einige Tests, die seit fast 100 Jahren entwickelt wurden, messen ganz elementare Fähigkeiten wie ein feines Unterscheidungsvermögen von Tonhöhen. Aber wie gut jemand beispielsweise Klavier spielen kann oder wie intensiv er Musik erleben kann, das lässt sich mit Musikalitätstests nicht erfassen: Denn Tests bilden nur einen kleinen Teil der musikalischen Fähigkeiten eines Menschen ab. Doch wie entstehen diese? Der Grundstein für eine musikalische Entwicklung wird im Elternhaus gelegt - egal ob hier mit Freude und Lust musiziert oder gesungen wird oder der Raum da ist für die frühe Förderung von speziellen Begabungen und musikalischen Interessen. Wie lernen Kinder am besten? Was kann man im Alter noch mit diesem Wissen anfangen? Gibt es musikalische Wunderkinder? Und wie können gute Lehrer zur Musik verhelfen? Wenn ein musikalisches Interesse erst einmal geweckt ist, dann bleibt es ein Leben lang erhalten, auch wenn die Pubertät oder ein Beruf das eigene Musizieren unterbrechen. Auch im Alter ermöglicht Musik neue Herausforderungen. Denn mit dem, was man in der Kindheit gelernt hat kann man sein persönliches musikalisches Potential nutzen.
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III: Musik und Gesellschaft
03.03.2012
(17) Ist Musik nur noch Kommerz? - Die ökonomischen Grundlagen der Musikindustrie
Von Mischa Ehrhardt
In der Musikindustrie, der Name sagt es schon, dreht sich alles um die industrielle Produktion von Musik. Es sind wenige große Label, die CDs oder Platten vertreiben, und mittlerweile Internetfirmen, die Musikstücke zum Download anbieten. Daneben gibt es eine Menge kleiner „Plattenfirmen“, die auf dem internationalen Musikmarkt aber nur eine untergeordnete Rolle spielen. Und die Künstler, die die Industrie produziert, bewirbt und vertreibt, die müssen vor allem eines: zu einer bestimmten Zeit in diesen Markt passen! Die Vermarktung der Künstler betrifft inzwischen die ganze Erscheinung – mit allem, was neben der Musik dazugehört. Wenn das für die Nutzer und Käufer stimmt, dann gelingt es ihnen in seltenen Fällen, in den Star- und Kommerzhimmel aufzusteigen. Ihre Musik dagegen – die spielt in vielen Fällen dann eher die zweite Geige.
10.03.2012
(18) Wem gehört Musik? - Zur Urheberrechtsdebatte
Von Martin Schramm
Die Veränderungen im Urheberrecht geben bisweilen selbst Juristen Rätsel auf – und sind erst recht für Laien kaum zu durchschauen. Verbraucherschützer befürchten daher: Viele Nutzer können gar nicht mehr beurteilen, welche Musik sie nun eigentlich noch kopieren dürfen und welche nicht. Nutzer ohne böse Absichten, die den "Gesetzesdschungel" nicht durchschauen, würden kriminalisiert und mit einer Flut von Klagen und Abmahnungen überzogen. Die Musikwirtschaft hingegen beklagt massive Umsatzeinbußen. Ihr graut vor einem Verbraucher, der sich zum Nulltarif im Netz bedient, der Musik nicht kauft, sondern nur kopiert. Und auch Künstler bangen um den Ausverkauf ihrer Kreativität.
Sorgt das aktuelle Urheberrecht also dafür, dass die Musikkultur verarmt? Lohnt es sich nicht mehr, Musik zu produzieren und in musikalische Kreativität zu investieren, weil niemand mehr dafür bezahlt? In Folge 18 des Funkkollegs Musik geht es um die Frage, wie ein Urheberrecht aussehen muss, das fit ist für das digitale Zeitalter und wer dabei am Ende die Gewinner und Verlierer sein werden: die Industrie, die Künstler – oder die Verbraucher.
17.03.2012
(19) Heavy Metal oder Dancefloor? - Musik und Lifestyle
Von Peter Kemper
Die Kinder des Pluralismus leben heute in einem Crossover von Moden, Stilen und Anschauungen. Einmal entsteht ein Wir-Gefühl in der Zugehörigkeit zu einer Freundsclique (peer group), andererseits in der Zugehörigkeit zu einer Jugendszene, wie z. B. Techno-, HipHop- oder Heavy-Metal. Die Popkultur ist der wichtigste Referenzrahmen von Szenen und Lifestyles. Dies meint nicht nur Popmusik, sondern den Gesamtzusammenhang von Mode und Musik, Szenetreffs, Jugendsprachen, Codes und Werten. Man könnte sogar sagen: Die Popkultur hat sich seit ihrer Erfindung aus dem Geist des Rock’n’Roll als industrieller Komplex und als globalisierte Kultur längst selbst als ein bestimmter Lebensstil durchgesetzt: Dabei ist Pop immer beides: Versprechen und Verrat. Popmusik stiftet eine ästhetisch-sensuelle Übereinkunft, die einer Gemeinschaft einen ‚körperlichen’ Inhalt gibt. In der Marketing-Forschung und in der Soziologie fassen inzwischen Sinus-Milieus Menschen in Gruppen zusammen, die sich hinsichtlich ihrer Lebensauffassung und Lebensweise ähneln. Danach finden sich Subkulturen wie Heavy Metal, Gothic oder Techno vor allen Dingen im sogenannten „hedonistischen Milieu“. Egal wie diese einzelnen Szenen im Einzelnen aussehen – es geht vor allen Dingen um Provokation und das Ausleben reiner Körperlichkeit. Dazu kommt der Spaß an bestimmten Inszenierungsformen und einem intensiven Wir-Gefühl. Nicht zuletzt bieten die verschiedenen Musikszenen die Möglichkeit, „Anderswelten“ zu erproben.
24.03.2012
(20) Mit Musik manipulieren? - Von Sound-Logos und Rückwärtsbotschaften
Von Deborah Schamuhn
Musik soll Produkte attraktiver machen, ein positives Gefühl auslösen, damit sie gekauft werden. In den meisten Werbespots stecken Musik oder Klänge, die von Werbestrategen und Musikdesignern hergestellt sind. Entweder eigens komponiert oder mit bekannten Liedern verbunden. Oft wird ein Produkt mit dem gleichen Sound verknüpft – wie ein visuelles Corporate Design das Erscheinungsbild eines Unternehmens deutlich macht, so sind in den letzten Jahren vermehrt akustische Logos entstanden, die eine bestimmte Marke auch hörbar machen: Durch ein „Sound-Branding“ soll ein Kunde erkennen können, mit welcher Marke er es zu tun hat: Kurz, prägnant, unverwechselbar soll es klingen, in jedes Gehirn „eingebrannt“ sein. Wo fängt die Manipulation an, wo hört die Information auf? Der Einsatz von Musik – sei es bei Computerspielen, im Film oder in der Werbung ist immer mit dem Wunsch verknüpft eine bestimmte Wirkung beim Konsumenten zu erzielen. Doch inwieweit diese Wirkung eintrifft, das lässt sich so einfach nicht beantworten. Denn jeder Hörer bringt seine eigenen individuellen Erfahrungen in die Musik ein, die er wahrnimmt.
31.03.2012
(21) Wie verändert das digitale Zeitalter Musik?
Produktion, Präsentation und Rezeption
Martin Schramm
Früher war Aufnahmetechnik so teuer, dass nur große Unternehmen die notwendige Studiozeit samt Personal überhaupt finanzieren konnten. Ganz anders im „digitalen Zeitalter“: Plötzlich kann jeder zum Musikproduzenten werden. Ein Standard-PC mit Mikrofon und freier Software aus dem Netz machen es möglich. Synthesizer und Sampling-Technik lassen ganz neue Musikstile entstehen. Und dank digitaler Klangbearbeitung wird das Mischen und Verändern von Klängen selbst zum kreativen Akt. Tonband, Schallplatte und Kassette werden durch die CD - und schließlich durch MP3-Player und Festplatte ersetzt; der verrauschte Analog-Sound vergangener Zeiten wird durch glasklare Digitalaufnahmen abgelöst. Deren Qualität ist fortan beliebig skalierbar: vom ausgedünnten MP3-Sound bis zum hochauflösenden Super-Audio-Format, ganz ohne Datenreduktion – alles ist machbar. Und mit DAB, Webradio, Podcast und Internetplattformen aller Art entstehen schließlich ganz neue Verbreitungswege, die eine nie dagewesene Musik-Vielfalt bieten. In Folge 21 des Funkkollegs Musik geht es um die Frage, wie das digitale Zeitalter unseren Umgang mit Musik verändert – und welche Chancen, aber auch Risiken diese Entwicklung mit sich bringt.
21.04.2012
(22) Ist Musik männlich oder weiblich?
Über Dominanz und Kreativität
Ulrike Köppchen
Eigentlich gilt sie traditionell als eine „weibliche“ Kunst – im Gegensatz etwa zur „männlichen“ Bildhauerei oder Architektur -. Doch war Frauen lange Zeit der Weg zur professionellen Musikerkarriere verwehrt. Auch als Komponistinnen durften sie kaum in Erscheinung treten, schon allein weil Kreativität als Männersache galt – und immer noch gilt. Bis heute ist eine Frau am Dirigentenpult eine Ausnahmeerscheinung und der Frauenanteil in führenden Positionen im Musikgeschäft verschwindend gering. Ist die Musik (jenseits von Flötenkreis und Kirchenchor) also doch männlich, weil bestimmte, eher „männliche“ Eigenschaften eine Musikerkarriere begünstigen, oder ist Musik einfach nur ein Tummelplatz für besonders hartnäckige Geschlechterstereotype? Kritische Musikwissenschaftlerinnen jedenfalls betonen, Frauen hätten zu allen Zeiten kreative Leistungen in der Musik erbracht – als Komponistinnen, als Dirigentinnen, als Solistinnen –, seien aber von der Öffentlichkeit bewusst nicht wahrgenommen worden. Sie fordern, die Musik-„history“ durch eine „herstory“ zu ergänzen.
28.04.2012
(23) Musik als gesellschaftliches Modell?
Zusammenspielen und Improvisieren
Michael Rüsenberg
Die Modelle scheinen klar festgelegt: hier das klassische Orchester mit einer klaren Hierarchie, über die der Schriftsteller Elias Canetti sagt: „Es gibt keinen anschaulicheren Ausdruck für Macht als die Fähigkeit des Dirigenten.“ Dort die Jazz-Band, die, wie der Jazz-Schlagzeuger Max Roach sagt, „eine demokratische Form der Musik“ spielt. Nachspielen, was ein Komponist notiert hat, hier, improvisieren, das Einbringen eigener Vorstellungen, dort. Für den englischen Musikwissenschaftler Nicholas Cook agieren die Musiker hier wie dort in Rollen, den Schauspielern vergleichbar. Er sieht viel mehr Gemeinsamkeiten als Trennendes. Abgesehen von stilistischen Unterschieden sind die beiden angeblich so unterschiedlichen Welten vereint durch „gemeinsames Hören, Interaktion in Echtzeit sowie Kollektivität“.
05.05.2012
(24) Gibt es heilige Klänge
Musik und Spiritutalität
Volker Bernius
Religion braucht den Klang. Jede religiöse Tradition hat ihren musikalischen Ausdruck seit alters her, vielfältig und reichhaltig bis in unsere Zeit. Musik und Religion haben gleiche Wurzeln: Beide haben mit etwas zu tun, was man nicht aussprechen kann. In beiden können Menschen die Erfahrung von einer anderen Welt, die den Alltag überschreitet, erleben. Weder Musik noch Religion sind rein rational zu fassen. In beiden kann sich der Mensch verlieren oder finden. Beide ermöglichen eine Tiefe und Leidenschaftlichkeit des Erlebens bis hin zur Ekstase. Und Musik und Religion können die Erfahrung von Sinn und Orientierung, von Trost und Heimat vermitteln. Aber wann ist Musik religiös? Und gibt es heilige Klänge? „Musik ist meine Religion“ – wer das sagt, meint damit, dass Musik eine tiefere Bedeutung für den Menschen haben kann. Sie entsteht als Religion in den Menschen unabhängig von Institutionen und der Vermittlung religiöser Inhalte, in existentiellen Situationen wie Tod, Trauer und beim Verlust von Menschen. Heute greift auch weltliche Musik religiöse Erscheinungsformen und Themen auf. Und manche Pop-Konzerte werden wie Gottesdienste inszeniert.
12.05.2012
(25) Haben „böse Menschen“ keine Lieder?
Zur politischen Bedeutung von Musik
Klaus Walter
Was ist eigentlich aus dem Protestsong geworden, was aus der politischen Popmusik? Im Jahr 2011, dem Jahr der Aufstände, Revolten und Riots wurden immer wieder reflexhaft diese Fragen gestellt. Aber funktioniert das mit dem Protestsong überhaupt noch in einer digitalisierten, globalisierten Welt? Braucht politische Musik heute überhaupt noch Worte? Ist nicht das Medium selbst die Message, wie ein kluger Mann mal gesagt hat?
Während die einen noch nach dem modernen Protestsong suchen, schreiten andere längst zur Propaganda der Tat. Was passiert eigentlich in rechtsradikalen Subkulturen? Diese Frage stellt sich seit der Entdeckung der Neonazi-Mordserie mit neuer Dringlichkeit. Musik ist ein wichtiger Bestandteil der rechtsradikalen Propaganda. Wie klingt der Soundtrack zu den Morden des selbsternannten Nationalsozialistischen Untergrunds? Die Terrorgruppe aus Zwickau hat sich mit einem Bekennervideo zu den rassistisch motivierten Morden bekannt. In diesem Video wird als Leitmotiv die Filmmusik aus dem „Rosaroten Panther“ verwendet. Seither ist die harmlose Comicfigur Paulchen Panther eine Kultfigur der Neonazis. Im Funkkolleg gibt der Mainzer Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs Einblicke in die musikalischen Abgründe der rechten Subkulturen und erklärt rechtsradikale Strategien des Kulturkampfes.
19.05.2012
(26) Polka in China?
Verlust und Chance in der globalisierten Welt
Michael Rüsenberg
Wenn alle in jedem Moment alles hören können (so das Credo der musikalischen Globalisierung), wenn das Didgeridoo in der Fussgängerzone erklingt und nicht mehr nur bei Zeremonien in Nord-Australien, wenn exotische Melodien auf Dance-Beats davoneilen - wo bleibt da das Echte, das Authentische?
„Das Authentische ist ein Phantom“, sagt die moderne Musikethnologie, sie hat die Suche danach aufgegeben. Musikalische Globalisierung gibt es nicht erst seit dem Internet, „Globalisierung ist ein Prozess, den es gibt, seit es die Welt gibt, die ganze Welt basiert darauf.“
Die Rezeption europäischer Musik durch Schwarzafrikaner z.B. beginnt im 15. Jahrhundert, vermittelt durch die Seefahrt, mit der Folge, dass vieles, was westlichen Hörern heute „exotisch“ erscheint, „ihrer eigenen Tradition entstammt, die sie nicht mehr kennen.“
Die Musikethnologen in dieser Sendung sehen in der Globalisierung eher Chancen denn Verluste, sie verlagern ihr Interesse weg von der Musik, hin zu den Hörern: „Wer hört was wie?“
16.06.2012: Präsenzklausur bei den Volkshochschulen